Abheben weibliche Führungskräfte | Die Wirtschaftsfrau
nzz_netversity
NZZ Netversity 50/50
anja_hochberg
Dr. Anja Hochberg: Frauen in der Finanzbranche
helene_niedhart
helene_niedhart

Helene Niedhart, CEO der Cat Aviation AG. (Foto: swissclick ag)

Abheben mit weiblichen Führungskräften

Frau Niedhart, Sie haben 1987 die Cat Aviation AG in Zürich gegründet. Was ist Ihnen von dieser Zeit noch gut in Erinnerung geblieben?

Ich habe durch ein Flugerlebnis in einem kleinen Flugzeug in den USA meine Leidenschaft zum Fliegen entdeckt. Sofort nach meiner Rückkehr in die Schweiz begann ich mit der Flugausbildung. Die Ausbildung ging über mehrere Stufen, zuerst die Privatpilotenausbildung, Instrumentenflugweiterbildung, Kunstflug, mehrmotorige Flugzeuge bis hin zur Linienpilotenausbildung. Ich wollte fliegen zu meinem Beruf machen. Doch damals hatte ich keine Chance, einen Pilotenjob zu bekommen, daher sah ich als einzige Möglichkeit, eine Firma in diesem Bereich zu gründen. Ich überlegte mir dann, wenn ich ein kleines Flugzeug kaufen und eine Firma gründen würde, könnte ich ja da fliegen. Das ist der Grund, warum es die Cat Aviation AG gibt. Anfänglich hatte ich wenig Ahnung von diesem Geschäft, habe aber, nebst einigen Fehlern, viel gelernt.

Wie genau ist es dazu gekommen?

Ich selbst stamme aus dem Finanzwesen, daher fiel es mir leicht, mit Zahlen umzugehen. Beim Erstellen des ersten Businessplans wurde mir klar, dass es fast unmöglich ist, so eine Firma zu gründen. Die Zahlen gingen nie und nimmer auf, doch wollte ich fliegen und habe daher den Businessplan auf eine sehr kreative Art und Weise angepasst. Aufgrund dessen bin ich heutzutage eher etwas vorsichtig, wenn es um das Lesen von Businessplänen geht. Viele Parameter in einem Businessplan sind Annahmen, die man gar nicht zuverlässig vorhersagen kann. Wenn Sie ein neues Business starten, wissen Sie nicht, wie viele Kunden Sie akquirieren können, oder ob Sie überhaupt Kunden haben werden.

Das war auch der Grund, warum ich zuerst ein kleines 8-plätziges Propellerflugzeug gekauft habe.

Ich war mir nicht sicher, ob das mit diesem Geschäft überhaupt klappen würde.

Der Businessplan war ja ein ziemlicher Beschiss. Mein Ehrgeiz war deswegen aber umso grösser, diese Firma irgendwann profitabel zu machen – sozusagen das Unmögliche möglich zu machen.

Haben Sie bei der Einstellung Ihrer Mitarbeitenden speziell darauf geachtet, dass die Geschlechter gut durchmischt sind?

Persönlich habe ich nicht speziell darauf geachtet. Damals gab es beinahe keine Pilotinnen. Aus demselben Grund habe ich ja auch keinen Job gefunden. Die Rega hatte zwar die erste Pilotin, Martha Hediger-Bühler, eingestellt. Sie war die Tochter des Firmengründers. Regula Eichenberger wurde damals die erste Linienpilotin bei Crossair. Ihr Vater war Pilot und hatte eine Flugschule.

Es ist zwar erst 30 Jahre her, aber die Zeit damals war für Frauen in der Fliegerei extrem schwierig oder hat praktisch nicht existiert.

Mir war es gar nicht möglich, nach Geschlechtern auszusortieren. Die grosse Challenge war, die Kosten unter Kontrolle zu halten, denn das war das Einzige, das ich selber steuern konnte. Deshalb hatte ich damals hauptsächlich mit Freelance-Piloten gearbeitet. Von Anfang an war mir aber wichtig, dass alle Piloten auf Flugsimulatoren trainieren. Beim Simulator-Training kann man Flugzeug und Pilot bis an die Grenzen bringen. Ein hervorragender Lerneffekt. Dieses Training war natürlich sehr teuer und hat das Budget arg strapaziert – aber safety first.

In Ihrer Geschäftsleitung sitzen mit Ihnen drei Frauen und zwei Männer. Was für einen Einfluss hat dies auf Ihre Unternehmenskultur?

Um ehrlich zu sein, habe ich nie Einstellungsentscheidungen auf Grund des Geschlechts getroffen. Meine Beurteilungskriterien waren das fachliche Können und die Persönlichkeit des Kandidaten. Das Geschlecht hatte für mich keinen Einfluss. Unser Geschäftsleitungsteam funktioniert bestens.

Eine kleine Anekdote zum Thema Frauen: Vor einigen Jahren haben wir einen Flug nach Sardinien als „all-woman-crew“ geflogen. Als der italienische Abfertigungsagent dies bemerkte, hat er sich bekreuzigt und ein erstauntes „Mamma mia“ ausgestossen. Nach wie vor ist es auch heute noch selten, eine totale Frauencrew anzutreffen. Um diesen Beruf ausüben zu können, muss man durchaus Freude an der Technik haben. Es zeigt sich ja auch an unseren Universitäten, dass sehr wenig Frauen ein Ingenieurstudium absolvieren. Vielleicht trauen sie es sich nicht zu oder haben kein Interesse.

Denken Sie, Unternehmenskulturen sind stärker ausgeprägt und werden bewusster gelebt in Firmen mit einer weiblichen Führungskraft?

Ich glaube, dass Frauen einen sehr guten Einfluss auf ein Unternehmen haben können. Frauen verstehen vielleicht die „soft factors“ besser. Oft wird das aber als negativer Punkt angesehen – gerade wenn man die älteren Generationen betrachtet. Wenn eine Frau nicht gerade militärisch führt oder kommandiert, wird das häufig als Schwäche betrachtet. Das hat sich im Laufe der Zeit verändert. Mit dem Einzug von Crew Ressource Management Training lernte man, dass es sich lohnt, eine Atmosphäre des Miteinanders und guter Zusammenarbeit zu schaffen. Eine Crew ist ein Team, das zum Gelingen eines sicheren Fluges beauftragt ist. Der Kapitän hat zwar klar die Verantwortung und schlussendlich auch die Entscheidungskompetenz, doch der Co-Pilot wird ebenfalls immer auch für die Entscheidungsfindung mit einbezogen. Manchmal hat sogar der Co-Pilot die geeignetere Lösung für ein Problem. Es ist sehr bereichernd, wenn man die Ressourcen nutzt, die man hat. Für mich als Kapitän war es nie ein Problem, Ideen einer anderen Person mit in das Handeln einzubeziehen. Ein Machoverhalten in einem Cockpit ist gefährlich und kann zu einem Problem führen. Der tragische Unfall von Alitalia in Zürich vor einigen Jahren ist ein Beispiel dafür. Der Co-Pilot hatte im Anflug einen Fehler in der Höhenangabe festgestellt und wollte einen Durchstart ausführen, doch der Kapitän ignorierte dies und hat die Landung fortgesetzt. Leider mit einem fatalen Ende.

Auf Ihrer Webseite schreiben Sie, dass Sicherheit bei der Cat Aviation eine gelebte Kultur ist. Ist das der wichtigste Aspekt Ihrer Unternehmenskultur? Welche anderen Aspekte beeinflussen Ihre Unternehmenskultur auch noch?

Sicherheit ist für eine Fluggesellschaft das oberste Prinzip. Nach der Frage der Sicherheit kommt direkt die Kultur, die viel damit zu tun hat. Es ist wichtig, eine gute Fehlerkultur zu leben. Fehler passieren überall, bei uns oder auch bei anderen Airlines. Nicht die Schuldfrage ist das Wichtigste.

Vielmehr müssen Fehler analysiert werden, um die Lehren daraus zu ziehen.

In unserer Firma ist es wichtig, dass Erfahrungen von Fehlern kommuniziert werden, denn man muss nicht alle Fehler selber machen, man kann auch von Anderen lernen. Niemand muss sich für Fehler schämen – aber lernen sollte man daraus. Wichtig ist mir auch, dass die Geschäftsleitung diese Offenheit und Kultur fördert. Dies bringt beidseitiges Vertrauen und damit Sicherheit.

Neben der Sicherheitskultur gibt es natürlich die Dienstleistungskultur. Wir sind auch für die Serviceleistungen für unsere Passagiere zuständig. Sie erwarten von uns eine rasche Beförderung und die nahtlose Koordination von Abholservices oder anderen Zusatzleistungen. Unser Dispatchteam plant die Servicewünsche der Kunden, doch der Pilot ist dafür verantwortlich, dass es vor Ort auch funktioniert. Das ist mit Sicherheit eine etwas andere Aufgabe für Piloten und Flight Attendants, als bei einer grossen Airline.

Unter anderem zeichnet die Kultur auch den Zeitgeist einer Epoche ab. Würden Sie sagen, dass die heutige Kultur mehr von Frauen geprägt ist als früher?

Wenn Frauen sich über Männer so extrem aufregen, dann frage ich mich immer, wer die Männer denn so erzogen hat – das waren doch mehrheitlich Frauen. Frauen prägen im Allgemeinen sehr viel, gerade durch die Erziehung der Kinder. Menschen und Kulturen verändern sich aber ohnehin permanent. Das gehört wohl zur Evolution. Die grössten, momentan stattfindenden Veränderungen in unserer Gesellschaft finden meiner Meinung nach durch Social Media oder durch die Digitalisierung statt. Das bringt uns neue, ungeahnte Perspektiven, die uns aber auch zwingen zu lernen, wie man damit umgeht. Jeder Fortschritt hat auch seinen Preis.

Inwiefern kommt der weibliche Einfluss heutzutage in der Luftfahrtbranche mehr zur Geltung und in welchen Bereichen könnten sich Frauen noch mehr einbringen – auch auf den Berufsalltag bezogen?

Ich glaube, Frauen haben nach wie vor ein wenig das Problem, dass sie sich eine gewisse Sache nicht zumuten, wenn sie nicht 100% sicher sind, dass sie es können. Aber wer kann denn schon etwas perfekt, das er noch nie gemacht hat? Das kann niemand.

Aber man muss natürlich bereit sein, sich einzusetzen und zu lernen.

Wie gesagt, habe ich 1987 diese Firma gegründet und ich hatte beinahe keine Ahnung vom Geschäft, nur fliegen war meine Motivation. Ich hatte damals Pilotenkollegen, von welchen ich gelegentlich veraltete SITA oder AFTN Telex Ausdrucke von Überflugsbewilligungen etc. bekam. Diese habe ich dann gemeinsam mit meiner damaligen ersten Mitarbeiterin zu entziffern begonnen. Wir haben so die international gültige Kodierung der Airline Systeme herausgefunden. Oder ich habe für Charterofferten alle Flugpläne von Hand gerechnet. Wir hatten noch keine Computer.

Bei fast allem war es so, dass wir uns das selbst beigebracht haben. Vielleicht hätte ich auch gesagt „Ich kann das nicht“, wenn ich als Angestellte die Aufgabe erhalten hätte, eine Firma aufzubauen. Aber ich war ja Unternehmerin und habe mein eigenes Geld investiert. Ich konnte also nur mein eigenes Geld verlieren. Das gab mir eine enorme Freiheit.

Haben Frauen andere Talente, Kompetenzen und Fähigkeiten als Männer?

Ich stelle oft fest, dass Frauen einen guten Einfluss auf Männergremien haben. Man merkt, dass die Zusammenarbeit in gemischten Teams etwas höflicher oder „gesitteter“ stattfindet. Die ganze Atmosphäre ist einfach etwas anders. Das kann aber gelegentlich auch zu Irritationen oder Verunsicherungen führen. Ich bin überzeugt, dass Frauen und Männer nur miteinander stark sind. Wir können von einander profitieren.

Welche Kompetenzen haben Frauen, welche Männer weniger beherrschen oder sogar gar nicht darüber verfügen?

Ich glaube, dass Frauen vielleicht ein wenig mehr auf den sozialen Aspekt Rücksicht nehmen. Damit meine ich, dass man den Menschen ebenfalls einbezieht und nicht nur eine reine Business Entscheidung trifft. Mir ist es wichtig, eine Firma zu führen, in welcher wir Menschen sein dürfen. Männer haben genauso ein Bedürfnis, mal in den Arm genommen zu werden. Gerade auf hitzige Diskussionen kann eine Frau guten Einfluss nehmen, denn oft entstehen sie einfach auf Grund von Missverständnissen.

Und in welchen Bereichen sehen Sie Verbesserungspotenzial für Frauen – explizit auch in Ihrer Branche?

Frauen sollten ein wenig mutiger und selbstbewusster sein. Sie müssen sich zutrauen, etwas zu können, ohne dass sie sich 100% sicher sind. Es gibt viele Männer, die sich super verkaufen, aber bei der praktischen Umsetzung dann schlussendlich nicht reüssieren.

Was raten Sie Unternehmerinnen, die sich selbständig gemacht haben und nun eine Unternehmenskultur aufbauen möchten, in denen die Kompetenzen der Mitarbeitenden so gut wie möglich gefördert werden?

Wenn jemand eine Firma aufbaut, ist ein guter und ehrlicher Umgang untereinander wichtig. Ein Unternehmer sollte Vertrauen bilden und gleichzeitig aber auch ein guter Motivator sein. Natürlich sind die fachlichen Qualifikationen immer sehr wichtig. Wenn ich mich jetzt zwischen jemandem entscheiden müsste, der fachlich absolut top aber menschlich etwas zweifelhaft ist, dann entscheide ich mich lieber für denjenigen, der fachlich gut ist, aber menschlich hervorragende Qualitäten hat. Jedermann kann dazulernen, aber die Persönlichkeit des Menschen ist in den Genen und ist das absolut Wichtigste. Sie können keinen guten Job leisten, wenn es im Team nicht stimmt oder die Chemie nicht passt. Gerade bei unseren Flügen merkt der Passagier, ob die Crew harmonisch zusammenarbeitet.

Rubrik

gefragt

Ausgabe

Kompetenz und Kultur

Helene Niedhart

Nationalität
Schweizerin

Zivilstand
verheiratet

Beruf
CEO / Präsidentin

Webseite
cat-aviation.com

Helene Niedhart begann ihre Karriere im Finanzwesen. Schon lange vor der Gründung der Cat Aviation AG träumte sie vom Fliegen. Mit den Vorkenntnissen vom Finanzwesen war es ihr möglich, 1987 die Cat Aviation AG zu gründen.

Was Fliegerei in der Schweiz an-belangt, ist sie eine Pionierin. Sie gehörte zu den wenigen Frauen in der Schweiz, die sich damals als Pilotin bezeichnen konnten. Über die Jahre verhalf sie der Cat Aviation AG zu Wachstum und dem, was sie heute ist. Mit über 30 Jahren Erfahrung ist die Cat Aviation AG heute eine hochgeschätzte Privatfluggesellschaft.

Gut zu wissen

Regula Eichenberger war die erste Schweizer Pilotin. Trotz dem damaligen männerdominiertem Berufsfeld schaffte sie es 1983, den Pilotenschein zu erwerben. Heute noch entspricht die Zahl der aktiven Piloten bei der Swiss dem 20-fachen der aktiven Pilotinnen.

Comments are closed.

FRAUENJOBS.CH
ABONNIEREN