Alles Start-up? Eben nicht! – Die Wirtschaftsfrau
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Eine kreative Produktidee in einem bestehenden Markt ist noch lange keine Disruption.

Alles Start-up? Eben nicht!

Egal, ob nachhaltige Shampoo-Linie, Grill-Sauce oder recyclierte Kleiderlinie: Vieles davon wird gleich als Start-up „angepriesen“. Doch lange nicht jede Unternehmensgründung ist ein Start-up, sondern viel mehr ein „small business“? „Small Business“ klingt uncool und langweilig? Aber heisst „Start-up“ sein nicht wortwörtlich, dass man etwas von Grund auf Neues oder gar „Disruptives“ aufbaut? Bei vielen sogenannten Start-ups wird der entscheidende Faktor der Disruption manchmal förmlich „an den Haaren herbeigezogen“. Meine Meinung: Eine kreative Produktidee in einem bestehenden Markt ist noch lange keine Disruption. Das hat schon im 19. Jahrhundert der Ökonom Joseph Schumpeter definiert: Jede Unternehmensgründung muss mit dem kreativen Akt der Invention beginnen, an die eine Analyse der Märkte anschliessen muss. Für die Analyse der Märkte braucht es aber noch heute einen existierenden Markt. Für ein Start-up im eigentlichen Sinn ein Widerspruch in sich.

Was bedeutet „Start-up“ denn eigentlich?

Soviel vorweg: Ich habe keine rechtliche oder eindeutige Definition für den Begriff Start-up gefunden. Doch aus unzähligen Erklärungen habe ich vier stets wiederkehrende Faktoren herausgefiltert, die bei einem Start-up gegeben sein müssen:

4 Faktoren Start-Up

  1. die Aussicht auf sehr starkes Wachstum.
  2. die Forschung an oder Schaffung von disruptiven Technologien oder Elementen.
  3. der Bedarf nach einer massiven (Fremd-)Finanzierung.
  4. profitable Umsätze werden erst nach der Start-up Phase erwartet

Temporär?

Als weiteren Punkt sollte/müsste man noch hinzufügen, dass ein Start-up zumeist eine temporäre Organisationsstruktur ist. Eine, die auf der Suche nach einem skalierbaren Geschäftsmodell ist, das exponentielles Wachstum ermöglichen soll.

Was heisst denn Disruption überaupt?

Disruptiv heisst, dass ein bestehendes Geschäftsmodell oder ein gesamter Markt durch eine Innovation abgelöst, beziehungsweise völlig „zerschlagen“, wird. Eine disruptive Idee ist nicht einfach eine Neu- oder Weiterentwicklung von Bestehendem. Sie sorgt dafür, dass bestehende Strukturen und Organisationen aufgebrochen und bei erfolgreicher Umsetzung völlig zerstört werden.

Risiko:

Der Beweis dieser Annahme ist jedoch IMMER riskant. Ein Start-up muss erst herausfinden, ob seine Vision eines Produkts oder einer Dienstleistung tatsächlich „disruptiv“ auf den relevanten Markt/das relevante Marktsegment wirken kann. Denn Start-ups haben es mit einem jungen oder noch nichtexistierenden Markt zu tun, und müssen erst ein Geschäftsmodell finden. Haben sie dieses gefunden und etabliert, gelten sie nicht mehr als Start-up. Viel Forschungsarbeit, Geld und Zeit muss in diese „fundierte Wette“ investiert werden, um zu beweisen, dass sie Fuss fassen UND Erfolg haben kann.

Oftmals ist das nicht der Fall. Die Zahlen dazu kennen die meisten: Neun von zehn Start-ups scheitern.

„Normales“ gründen versus Start-Up

Dem gegenüber steht eine „normale Gründung“. Oft mit eigenem Kapital oder mit Hilfe von „friends and family“ klein begonnen. Mit dem „klassischen“ Ziel, organisch zu wachsen. Da so eine Unternehmensgründung noch kein KMU ist, würde ich hier von „Small Business“ sprechen. Aber Kleinunternehmen scheint nicht so sexy zu klingen – wie schon erwähnt. Warum eigentlich nicht?

Etwa weil schon Definition von „Small Business“ eher unattraktiv klingt: „Ein unabhängiges, vom Eigentümer betriebenes Unternehmen, das mit der Absicht auf Gewinn organisiert wird, ohne in einem Bereich Markt-dominant zu sein.“

Klingt verdammt nach Nische. Und nach harter Aufbau- und Verkaufsarbeit im übersättigten Markt. Da hilft auch nicht ein bisschen „Social Media Werbung“, obwohl unzählige Online-Trainings (übrigens meist selbst ernannte „Online-Training-Start-ups“) das suggerieren.

Zur Erinnerung: Die Absicht eines Startup-Unternehmens ist es, mit einem skalierbaren und wirkungsvollen Geschäftsmodell disruptiv auf einen bestimmten Markt zu wirken, im besten Fall also alles andere im gleichen Umfeld „auslöschen“ zu können.

Die Absicht eines Kleinunternehmers ist hingegen, sich einen Platz im bestehenden Markt zu erkämpfen. Kreativität, Trend-Bewusstsein und Kundennutzen sind wohl Grund-Voraussetzungen, um damit erfolgreich zu sein zu können. Wenn dies gelingt, winken Unabhängigkeit, Gewinn und die Chance, ein selbstbestimmtes Unternehmer/innen-Leben zu führen. Und zwar NICHT temporär.

Innovativ, aber kein Start-up

Dass dies hart ist, und länger dauert als man – getragen von der elementaren Liebe zur eigenen Idee – gehofft hatte, habe ich am eigenen Leib erfahren. Aber es lohnt sich. Aus eigener Kraft sorge ich heute für meine Pensionsversicherung und mein Gehalt. Ich bin unabhängig, und kann auch Zeit mit meinem Kind verbringen, obwohl ich ein 100% Pensum habe. Mein Networking ist geprägt von einem ehrlichen Austausch mit anderen unabhängigen Unternehmerinnen und Unternehmern. Solchen, die nicht vor allem Investoren bei Laune halten müssen.

Ich bin stolz, seit über fünf Jahren mein(e) „Small Business(es)“ zu führen. Ja, small is beautiful, solange die Schulden nicht „big“ sind, sondern vielmehr der Gewinn. Unter small business subsumiere ich durchaus Umsätze mit sechs Nullen pro Jahr. Dennoch habe ich mich nie als „Start-up“ definiert, nur um als Frauen-Unternehmen ernster genommen zu werden. War das Wachstum schnell? Nein! Ist es nachhaltig – ja!

Meine drei Faktoren small Business

Welche Faktoren definieren denn – im Gegensatz zum Start-up – das selbstständige Kleinunternehmen? Diese Punkte habe ich auf Grund von eigenen Erfahrungen und Gesprächen mit anderen Unternehmern und Unternehmerinnen hier zusammengetragen:

  1. Die Aussicht auf langfristige Unabhängigkeit, Gewinn und Gehalt. Unternehmertum bedeutet immer Risiko, beim small business wird jedoch versucht, das Risiko zu kalkulieren.
  2. Die Schaffung von kreativen Produkten oder Dienstleistungen, die einen echten und beweisbaren Nutzen oder Mehrwert für Kunden darstellen (und nie Selbstzweck sind).
  3. Wenn der Bedarf an Finanzierung besteht, so muss es Ziel sein, dieses Geld aus eigenem Wachstum zurückzahlen zu können.

Nachhaltig versus temporär

Nachhaltiges Wachstum ist das Ziel eines „small business“, und nicht die temporäre Organisation.

Alles in allem klingt das doch gar nicht so schlecht, so ein „small business“, oder? Ein harter, aber empfehlenswerter Weg für viele gut ausgebildete Frauen in der Schweiz!

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Susanne Richter

Beschrieb
Gründerin der Sanni Shoo GmbH, Amazon Unternehmerin der Zukunft 2019. Ein Unternehmen, das Haushaltshelfer und Problemlöser entwickelt, und in der Schweiz, Europa und den USA vertreibt.

Webseite
www.sannishoo.com

 

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