Das Leben als Zugnomadin | Die Wirtschaftsfrau
Interkulturelle Kompetenzen: Fettnäpfchen müssen nicht sein!
Diversity: Aufwände, die sich lohnen

Studentin und Autorin Leonie Müller lebt in einem mobilen Zuhause – dem Zug. (Foto: Gaby Gerster)

Das Leben als Zugnomadin – Alltag und Reisen vereint

Grüezi Frau Müller, welche speziellen Erlebnisse in Ihrem Leben haben Sie dahin gebracht, wo Sie heute sind?

Im Frühjahr 2015 hatte ich eine Auseinandersetzung mit meiner Vermieterin. Dabei habe ich festgestellt, dass ich in dieser Wohnung nicht mehr leben möchte. Im Wissen, dass ich immer noch ein Jahr lang studieren würde, stellte sich mir die Frage, wie es von da weitergehen sollte. Da ich bereits schon zuvor einmal auf Weltreise war, entschied ich mich, meinen Alltag und das Reisen zu kombinieren. Entsprechend habe ich versucht, das, was man normalerweise im Ausland macht, im Inland zu machen. Zu diesem Zeitpunkt ist der Grundbaustein der Idee entstanden, über ein ganzes Jahr lang in einem Zug zu leben. Ich habe mir einen Nachmieter gesucht und nach drei Wochen war ich aus der Wohnung draussen – nur mit meinem 40L Rucksack und einigen Kleinigkeiten, welche ich brauchte.

Das war doch bestimmt ein riesiger Sprung aus der Komfortzone. Oder wie haben Sie das wahrgenommen?

Nicht so richtig, denn ich war bereits zuvor viel unterwegs. Immer in den Semesterferien oder während langen Wochenenden hatte ich Verwandte oder Freunde besucht. Oft habe ich mir auch einfach irgendetwas in Deutschland angeschaut. So gesehen war es nicht mal eine so grosse Veränderung für mich. Diese Art von Reisen kannte ich bereits und sagte mir auch dazumal schon sehr zu.

In Ihren jungen Jahren sind Sie bereits weit gekommen. Welche charakterlichen Eigenschaften braucht man, um so leben zu können?

Eine offensichtliche Voraussetzung dafür ist, dass man gerne unterwegs ist und über eine grosse Portion Neugier verfügt.

Muss man dafür eine speziell extrovertierte Seite haben?

Es kommt darauf an. Ich empfinde mich teilweise als sehr introvertiert. Es gibt Zeiten, in denen möchte ich alleine sein und einfach nur reflektieren.

Ich denke, eine gute Mischung aus introvertiert und extrovertiert macht es aus.

Und es braucht Neugier für das, was hinter der nächsten Strassenecke liegt.

Sie brauchen also auf jeden Fall Ihren Raum, in welchem Sie sich zurückziehen können?

Ja, genau. Das muss nicht unbedingt ein eigener Wohnraum sein. Ich geniesse es immer sehr, wenn ich ein bis zwei Nächte irgendwo in einer Wohnung übernachten kann oder in Köln in meinem WG-Zimmer bin – oder halt eben im Zug. Ich nutze immer den gerade gegebenen Raum als Rückzugsraum.

Wo sehen Sie die Unterschiede zwischen den Kompetenzen und Fähigkeiten zwischen weiblichen und männlichen Teammitgliedern?

Ich weiss nicht, ob man so richtig pauschalisieren kann. Ich arbeite nicht direkt in einem Team. Ich denke, das Geschlecht ist relativ irrelevant, wenn man offen ist und auf die Details achtet. Daraus resultiert, dass man seine Umgebung viel aktiver und offener wahrnimmt. So fallen viel mehr Zusammenhänge auf.

Wo sehen Sie Unterschiede zu Ihren männlichen Gleichaltrigen in Bezug auf dieses Projekt?

Im späten Sommer 2015 gab es sehr viele Medienberichterstattungen über dieses Projekt. Da haben viele verschiedene Faktoren reingespielt. Eine grosse Rolle spielte sicherlich, dass ich eine junge Frau bin. Alles, das eine junge Frau macht, wird sofort als viel abenteuerlicher angesehen, als wenn das exakt Gleiche ein junger Mann tut. Gerade als junger Mensch – oder in meinem Fall als junge Frau – finde ich sehr schnell Hilfe, wenn mal irgendetwas schief läuft.

In der Schweiz gab es mal einen Film über eine Frau namens Annemarie Schwarzenbach. Der Film handelt davon, dass sie um 1940 mit dem eigenen Auto über Istanbul, Teheran nach Afghanistan fuhr. Für eine solche extreme Lebensumstellung braucht man sehr starke Charaktereigenschaften, ein sehr starkes Selbstvertrauen. Was meinen Sie dazu?

Ja, also ich bin schon der Meinung, dass man dazu definitiv ein Urvertrauen braucht. Dieses hat man nicht einfach, sondern muss man herstellen, indem man sehr bewusst an sich selbst und an die Welt herangeht.

So kann man auch darauf vertrauen, dass die Dinge schlussendlich gut werden.

Sie haben schon viel erlebt, auch viele Gefahren gesehen. Wo sehen Sie die Entwicklung in Zukunft?

Ich möchte in Zukunft auf jeden Fall viel unterwegs sein. Ausserdem will ich neue Orte, Kontexte, Personen und Perspektiven kennenlernen.

Wie stellen Sie sich Ihre zukünftige berufliche Tätigkeit vor?

Wenn ich es mir aussuchen könnte, würde ich gerne weiterhin projektbezogen, selbstständig und ortsunabhängig arbeiten. Diese Art von Arbeiten kommt immer mehr auf und wird immer beliebter. Auch eine Arbeitskultur, die in Firmen immer öfter praktiziert wird. Das ist etwas, das ich mir für mich selbst sehr gut vorstellen kann und auch erhoffe für die Zukunft.

Können Sie sich noch vorstellen, fest an einem Arbeitsplatz zu arbeiten?

Ich habe das bereits schon mal ein Jahr lang gemacht, aber insgesamt finde ich, dass das Büro ungefähr der unkreativste Ort ist, an dem man arbeiten kann.

Gerade bei einer kreativen Arbeit braucht man eine Umgebung, welche Kreativität auch fördert.

Leider ist das Büro für eine solche Tätigkeit bewiesenermassen nicht der beste Ort.

Sie sind ja gewissermassen eine Vorreiterin dieser Bewegung. Können Sie sich vorstellen, dass es vielen so geht in Ihrer Altersgruppe?

Definitiv zunehmend. Ich glaube, es gibt immer noch genug Leute, die einen sehr klassischen Lebensentwurf verfolgen und einfach einen nine-to-five Job möchten. Entsprechend kann man seine Freizeit gestalten, wie man das möchte. Dennoch denke ich, dass gerade mit der jungen Generation, welche jetzt in den Arbeitsmarkt eintritt, dieser Trend auf jeden Fall zunimmt.

Aber nicht nur bei den Jungen zeigt sich dieser Trend. Gerade auch die Älteren kommen auch auf den Geschmack, wenn alle Jungen diesen Trend verfolgen. Wie ich das wahrnehme, tut sich da sehr viel und es geht wirklich in eine positive Richtung. Entsprechend ist das für jeden was, der gerade auf dem Arbeitsmarkt ist, egal welchen Alters.

Haben Sie das Gefühl, dass die Beziehung darunter leiden könnte, wenn man gerade bei Projektarbeiten nicht mehr physisch mit den Personen in Kontakt tritt, dass die sozialen Beziehungen kaputtgehen?

Ich denke schon, dass man da gucken muss. Gerade in meinem Freundeskreis habe ich Leute, die auch ortsunabhängig arbeiten. Wir machen das dann ab und zu so, dass wir uns, in irgendeiner Stadt für ein paar Tage treffen und dort dann auch zusammenarbeiten, Sightseeing machen oder einfach einen generellen Austausch pflegen. Das ist sicher eine Sache, die zunehmend wichtiger wird, wenn man nicht ein Büro hat, in welchem man sich tagtäglich austauscht.

Was sonst zufällig passiert, ist jetzt einfach mit mehr Planung verbunden.

Andererseits sehe ich auch des Öfteren in sozialen Netzwerken, dass eine bestimmte Person gerade in der Nähe ist; mit den heutigen Technologien kann man da sehr schnell Kontakt aufnehmen. Dadurch entstehen schnell spontane Treffen.

Haben Sie den Eindruck, dass eine starke Verknüpfung auf sozialen Netzwerken wichtig ist?

Ich glaube, es ist jetzt schon sehr wichtig und es wird immer wichtiger. Ich finde es auch persönlich eine sehr gute Sache. Dadurch hat man eine enorme Chance auf verschiedene Einblicke. Im eigenen Unternehmen ist man eher isoliert und es besteht meistens ein Konkurrenzverbot. Die sozialen Netzwerke machen einen Austausch möglich wie noch nie zuvor unter Unternehmen und Selbstständigen.

Ist die neue Währung somit die Anzahl Kontakte? Also die Anzahl Menschen, mit denen ich direkt vernetzt bin und das somit meine berufliche Entwicklung fördert?

Ich denke, das ist heutzutage bereits schon so und ich glaube auch nicht, dass sich das ändern wird.

Also dieses „Ich kenne Jemanden, der Jemanden kennt“ wird heutzutage noch viel mehr praktiziert. Bereits heute versucht man, an vielen Orten zu arbeiten, viel Erfahrung zu sammeln und vor allem, ein grosses Netzwerk aufzubauen. In meiner Elterngeneration war es noch so, dass man 30 – 40 Jahre lang in einem Unternehmen gearbeitet hat. Meinen Sie, eine Partnerschaft würde mit Ihrem jetzigen Lebensstil funktionieren?

Ich kenne junge Familien, die zum Beispiel Weltreisen machen und ihren Kindern somit auch eine ganz andere Art von Erziehung und Erfahrung bieten. Persönlich finde ich das wertvoll. Bezogen auf zukünftige Partnerschaften muss es einfach zusammenpassen.

Es geht weniger darum, dass man gleich oft unterwegs ist, sondern, dass man Verständnis und Akzeptanz für seinen Partner aufbringt.

Wenn diese Akzeptanz vorhanden ist, dann kann es durchaus sehr gut funktionieren kann.

Wie sehen Sie das weibliche Geschlecht in Zukunft in der Berufswelt? Was kann man aus der Sicht der Frau machen, um hier eine positive Bewegung zu erzeugen?

Ich bin der Meinung, dass noch einiges getan werden muss. Gerade die Frauenrolle, welche medial vermittelt wird, ist oft immer noch sehr klassisch geprägt. Die Hauptrollen sind meistens Männer. Die Rollen, die eine interessante Entwicklung durchmachen. Die Heldenrollen sozusagen. Ein Problem dabei sehe ich auch, wenn wir kleinen Mädchen übermitteln, dass sie psychisch und physisch nicht so stark wie Männer sind. Die biologischen Unterschiede zwischen Mann und Frau sind längst nicht so gross, wie man meint.

Das Ganze ist schlussendlich nur ein soziales Konstrukt.

Was würde das konkret heissen, damit sich das Bild hier ändert und eine Verbesserung festgestellt werden kann?

Frauen müssen primär die Verantwortung dafür wollen. Es macht keinen Sinn, darauf zu warten und zu hoffen, dass man einfach in die gewünschte Position gesetzt wird. Man muss aktiv darauf hinarbeiten. Frauen müssen sich durchsetzen. Beruflicher Ehrgeiz ist wichtig.

Rubrik

gefragt

Ausgabe

Kompetenz und Kultur

Leonie Müller

Nationalität
Deutsche

Geburtsdatum
21.06.1992

Zivilstand
ledig

Beruf
Schriftstellerin und Studentin

Leonie Müller ist Masterstudentin an der Uni Leipzig. Ihr Projekt, die Deutsche Bahn zu ihrem Lebensmittelpunkt zu machen, sorgte international für Aufmerksamkeit. Am 23. Mai 2018 erscheint ihr erstes Buch „Tausche Wohnung
gegen BahnCard – Vom Versuch, nirgendwo zu wohnen und überall zu leben“ bei S. Fischer, Frankfurt.

Gut zu wissen

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