Gescheitert. Fuck up and talk? | Die Wirtschaftsfrau
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Michaela Schröder über das Scheitern. (Foto: Studio Perspektiv)

Gescheitert. Fuck up and talk?

Scheitern – endlich reden wir darüber. Scheitern ist hip geworden und gehört mittlerweile fast schon zum guten Ton einer jeden Erfolgsgeschichte. So sind denn auch die sogenannten FuckUp Nights in aller Munde. Was 2012 in Mexiko begann, ist mittlerweile auch hier ein Renner. Bei diesen Nächten des Scheiterns reden Unternehmer und Unternehmerinnen und Start-ups öffentlich über ihr Scheitern. Das ist kernig, das ist lustig. Wer Erfolg hat, der musste vorher offenbar erst einmal kräftig versagen. Das Tabu ist also gebrochen. Wir dürfen scheitern. Aber ist das wirklich so? Und pervertiert das Scheitern damit nicht vielleicht sogar wieder zu einem Teil unserer Leistungskultur?

Wir leben in einer Leistungs- und Erfolgsgesellschaft. Und realistisch betrachtet sind Versagen, Scheitern, Fehlschläge nach wie vor Tabu – gerade im geschäftlichen und beruflichen Bereich. Wir reden zwar darüber, aber wirklich scheitern will niemand. Weil es weh tut, weil es anhängt, weil es gesellschaftlich nicht vorgesehen ist. Die Idee zu diesem Beitrag wurde an einem lauschigen Novemberabend geboren. Bei einem Unternehmerinnen-Apéro haben wir in intimer Runde über berufliches Versagen gesprochen. Was mich an unseren Gesprächen am meisten erstaunt hat, waren diese beiden Aspekte:
1.) Das Gefühl des Versagens, häufig verbunden mit Scham und Ohnmacht, hallt noch lange, lange nach.
2.) Die Diskrepanz zwischen objektiven Widrigkeiten und der subjektiven Zuschreibung, selber für das Nicht-Gelingen verantwortlich zu sein.

Die Angst vor dem Versagen, vor dem Scheitern, fängt auch schon im Kleinen an. Betrachte ich zum Beispiel mich, wie ich diesen Artikel schreiben will, da lähmt mich bereits die berüchtigte Angst vor dem weissen Blatt. Ich will ja alles gut machen und nachher gut dastehen. Ich scheitere bereits an den eigenen Worten und dem, was Sie nachher über mich denken könnten.

Scheitern, was bedeutet das eigentlich?
Das sagt der Duden: „Ein angestrebtes Ziel o.Ä. nicht erreichen, keinen Erfolg haben“. Erfolg oder Misserfolg setzen also zweierlei voraus: Ein Ziel und das darauf ausgerichtete Handeln. Bei Zielerreichung haben wir Erfolg und erleben damit verbundene Gefühle wie Stolz, Zufriedenheit, Glück. Bei Nicht-Erreichen sind wir gescheitert und erleben Scham, häufig gepaart mit Selbstzweifel und Selbstvorwürfen. Bei dem ziel- und erfolgsgerichteten Handeln orientieren wir uns also nicht nur an unserer eigenen intrinsischen Motivation (die eventuell bereits soziokulturell geprägt ist), sondern auch an den Zuschreibungen, die unsere Gesellschaft macht.

Das ist jetzt bitte nicht falsch zu verstehen:

Das Streben nach Erfolg ist wichtig.

Es motiviert uns zum Tun, es motiviert uns, uns zu verbessern, Träume zu verwirklichen, berufliche und persönliche Ziele anzustreben und neue Wege zu begehen. Aber der permanente Erfolgsdruck kann auch dazu führen, dass wir aus lauter Angst vor dem Scheitern und den damit verbunden Konsequenzen gar nicht erst in die Handlung kommen.

Ich habe versagt – und jetzt?
Wie gehen wir damit um, wenn wir ein Ziel effektiv nicht erreicht, wenn wir also versagt haben? Diese Annahme ist gewagt, ich bringe sie hier dennoch vor:

Häufig tendieren wir Frauen dazu, die Gründe für ein Scheitern bei uns selbst zu suchen.

Aber die Gründe für ein Scheitern liegen nicht nur in den eigenen Handlungsoptionen; sie sind ein Zusammenspiel aus dem eigenen Handeln, den Ansprüchen an sich selbst, sowie den externen, von uns nicht änderbaren Bedingungen der jeweiligen Situation und des wirtschaftlichen, beruflichen und gesellschaftlichen Kontexts. Wenn wir also unser Ziel nicht erreicht haben, dann sollten wir zunächst genau analysieren, welche Bedingungen dazu geführt haben. Und siehe da:

Manchmal scheitern wir auch an objektiven Restriktionen und Widerständen.

Shit happens! Das ist das Leben. Und trotzdem leiden wir darunter, dass wir unsere Ziele aufgrund externer Widrigkeiten nicht erreichen konnten. Das empfinden wir dann als persönliche Niederlage. Aber sind Niederlagen nicht eigentlich nur dann persönlich, wenn wir auch persönlich dafür verantwortlich sind? Sprich, wenn wir entweder nicht alle Handlungsoptionen ausgeschöpft haben, falsch gehandelt oder falsch entschieden, oder nicht einfach alles versucht haben?

Fuck up and forgive
Kann ich kompetent scheitern? Kompetentes Scheitern. Das klingt nach einem Widerspruch in sich. Vielleicht ist Kompetenz denn auch nicht das richtige Wort. Haltung trifft es wohl besser. Welche Haltung können wir einnehmen, um einen guten und – Achtung: gütigen(!) Umgang mit eigenen Niederlagen zu entwickeln? Als eigene Niederlage verstehe ich in diesem Kontext ausschliesslich das persönliche Scheitern im Sinne von falschen Handlungen und/oder Fehlentscheidungen. Die Ausgangslage war optimal, die Rahmenbedingungen haben gestimmt, aber ich habe es selber verbockt! Ich kann niemanden sonst dafür zur Rechenschaft ziehen. Und für diese Form des Versagens wünsche ich mir eine Haltung, die über ein „Fuck up and talk“ hinausgeht. Was ich mir wünsche, ist der Mut zu handeln, um Ziele und Träume zu erreichen.

Dabei nehme ich Misserfolg und Verlust in Kauf.

Und wenn ich keinen Erfolg habe, weil ich nach obiger Prämisse wahrlich und wahrhaftig gescheitert bin, dann möchte ich mir selber gegenüber gütig begegnen können. Ich möchte mir selber verzeihen können. „Fuck up and forgive“. Denn immerhin habe ich es versucht. Egal, was andere dazu sagen.

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ahoi! ist spezialisiert auf die strategische Beratung und operative Unterstützung für KMU und Organisationen in den Bereichen Marketing, Kommunikation und Verkauf. Michaela Schröder engagiert sich seit vielen Jahren für Schweizer Frauenprojekte, damit deren Ideen, Produkte und Visionen sichtbar und erlebbar werden und bleiben.

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