Karrierekiller Kind? | Die Wirtschaftsfrau
Ein Gesicht und eine Stimme für die 60’000 Frauen in Führungspositionen
Gender Pay Gap: So gehen Sie gegen Lohnunterschiede vor!

Kinder sind oft der Grund, weswegen die Karriere unterbrochen wird.

Karrierekiller Kind?

Wie viele Male haben Sie schon den Satz gehört: „Und dann kamen halt die Kinder dazwischen?“ Das Problem ist allgemein bekannt; es gibt in der Schweiz unzählige Frauen, die eine Top-Ausbildung durchlaufen, und dann den Beruf aufgeben, um Mutter zu werden. Viele gut ausgebildete Fachkräfte gehen durch diesen Umstand verloren. Aber wollen die Mütter denn auch alle wirklich zu Hause bleiben und sich voll und ganz dem Muttersein widmen?

Oftmals hört man als Begründung, dass die Betreuung in einer Kinderkrippe mehr kostet, als man als Frau überhaupt verdienen würde, und dass man darum entschieden hat, gleich ganz zu Hause beim Kind zu bleiben.

Besonders Aufmerksamkeit erregend ist zudem der beachtliche Unterschied zwischen Mann und Frau.

In der Schweiz bleibt immer noch in den allermeisten Fällen die Frau zu Hause, um sich um die Kinder zu kümmern, während die Männer ihr Pensum oft sogar noch erhöhen. Wie sieht die Situation momentan genau aus und was sind allfällige Lösungsansätze, wenn man als Frau trotz Kind den Beruf nicht aufs Eis legen will?

Wenn das erste Kind zur Welt kommt
Erfolgreicher Abschluss der Grundschule; Eintritt in das Gymnasium, Beginn eines Studiums an der Universität Zürich – Laura legt einen erfolgreichen Start in die Berufswelt hin. Im Studium lernt sie Mark kennen. Die beiden verlieben sich und werden ein Paar. Nachdem beide ihren jeweiligen Masterstudiengang abgeschlossen haben, verloben sie sich. Laura M. erhält eine Stelle als Projektleiterin in einem angesehenen Unternehmen und führt ein Team von sechs Mitarbeitern. Mark findet eine Anstellung als Wirtschaftsinformatiker. Nach einem weiteren Jahr heiratet
das Paar, und neun Monate später folgt das erste Kind. Obwohl Laura mehr verdient als Mark, ist von Anfang an klar, dass sie nach dem Mutterschaftsurlaub zu Hause bleiben und sich um das Kind kümmern wird, während Mark im 100%-Pensum weiter arbeitet.

Sobald das erste Kind da ist, bleibt ein Elternteil zu Hause. Die Karriere wird aufs Abstellgleis geschoben, in einem alten Schrank verstaut wie ein abgetragener Pullover, den man einerseits nicht wegwerfen will, andererseits aber auch nicht weiss, wann man ihn wieder hervorkramen und erneut anziehen wird. Meistens handelt es sich bei diesem Elternteil um die Frau. Die Gründe dafür sind verschieden. Es kann sein, dass die Frau weniger verdient als der Mann, und deshalb entschieden wird, dass sie sich um das Kind kümmert.

Vielleicht ist die Mutter mit dem Mutterschaftsurlaub, den sie im Gegensatz zum Vater erhält, bereits besser in der Rolle drin.

Oder aber, dass das traditionelle Rollenmodell immer noch in den Köpfen aller Beteiligten vorherrscht: Es ist die Rolle der Frau, zu Hause zu bleiben und sich um die Kinder zu kümmern.

Aktuelle Situation
Eine Langzeitstudie der Universität Bern, welche rund 6‘000 Personen umfasst, die im Jahr 2000 an der PISA-Befragung teilgenommen haben und  die im selben Jahr aus der obligatorischen Schulpflicht entlassen worden sind, zeigt überraschende Einblicke in die Arbeitssituation von Frauen und Männern. Die Studie ist für einzelne Kantone (Bern, Genf, Tessin und St. Gallen) repräsentativ und ist national sowie sprachregional. Die Ergebnisse zeigen: Sobald Kinder vorhanden sind, zeichnen sich bei den Geschlechtern gegensätzliche Entwicklungen ab; rund 20% der befragten Frauen, die Kinder haben, sind nicht erwerbstätig, und von den erwerbstätigen Frauen sind bloss ein Viertel zu 100% erwerbstätig. Bei Männern mit Kindern dagegen liegt der Anteil Vollzeiterwerbstätiger bei 93%. Das sind sogar noch mehr als bei Männern, die keine Kinder haben. Dort sind bloss 87% Vollzeit erwerbstätig.

Zwar liegt die Vollzeiterwerbsquote auch bei Frauen ohne Kinder 10% unter derjenigen von Männern ohne Kinder, der Unterschied bei den Befragten, welche Kinder haben, ist jedoch signifikant höher. Dabei verringert nicht nur das Vorhandensein von Kindern, sondern auch deren Anzahl, die
Chance von Frauen, erwerbstätig zu sein.

Neben der Beschäftigungsquote sieht man auch einen deutlichen Unterschied beim erzielten Erwerbseinkommen.

Männer mit Kindern verdienen im Grunde gleichviel wie Männer ohne Kinder, wohingegen Frauen mit Kindern einerseits vernehmlich weniger als Männer mit Kindern verdienen, andererseits aber auch weniger Einkommen als Frauen ohne Kinder erzielen. Die Unterschiede bestehen auch noch nach Berücksichtigung des Ausbildungsabschlusses.

Wiedereinstieg
Laura und Mark bekommen noch zwei weitere Kinder. Als die drei Kinder alle das Oberstufenalter erreicht haben, möchte Laura wieder ins Berufsleben einsteigen. Durch die Tatsache, dass sie während der Erziehung ihrer Kinder nicht gearbeitet hat, ist es 15 Jahre her, seit sie das letzte Mal einer bezahlten Arbeit nachgegangen ist. Trotzdem ist sie guten Mutes; schliesslich hat sie eine exzellente Ausbildung genossen und war auch bereits in einer Führungsposition tätig. Nachdem Laura sich auf mehrere Wunschstellen mit Führungsaufgaben erfolglos beworben hat, findet sie schliesslich eine Teilzeitarbeit als Buchhaltungsassistentin. Obwohl die Stelle nicht schlecht bezahlt ist, ist Laura enttäuscht: Sie fühlt sich wie vor den Kopf gestossen und ist mit der Arbeit unterfordert. Der Wiedereinstieg in das Berufsleben ist oft schwierig. Die Betroffenen weisen eine lange Arbeitspause auf. Bei vielen Arbeitgebern herrscht die Meinung vor, dass Hausfrauen Mühe haben, sich wieder in den hektischen Berufsalltag einzugliedern. Deswegen geben nur wenige Unternehmen den Wiedereinsteigerinnen eine Chance. Junge Talente, die frisch von der Uni kommen und bei denen das Wissen immer noch „präsent“ ist, werden vorgezogen. Mütter, die sich wieder in die Arbeitswelt einzugliedern versuchen, haben keine grossen Auswahlmöglichkeiten und müssen sich oftmals gezwungenermassen der erstbesten Stelle annehmen, die ihnen angeboten wird.

Alternativen finden
Um für den Arbeitsmarkt attraktiv zu bleiben, ist es wichtig, dass man auch als Elternteil kontinuierlich einer Arbeit nachgeht und nicht zu lange aussetzt. Andernfalls besteht das Risiko, dass man beim Wieder-einstieg nicht die gewünschte Position erhält und die Arbeit den eigenen Ansprüchen nicht genügt. Zudem ist man so auch im Falle einer Scheidung finanziell abgesichert und ist nicht auf den Ex-Ehepartner angewiesen.

Was sind also die Möglichkeiten, die es beiden Elternteilen erlauben, einer anspruchsvollen und interessanten Tätigkeit nachzugehen, sowie nebenbei zusammen die Kinder aufzuziehen?

Vorausschauende Planung
Man sollte sich bereits im Voraus darüber klar sein, wo man steht und wo man hinmöchte. Unsichere Situationen sind zu vermeiden. Oftmals sagen sich werdende Mütter, dass sie „irgendwann“ wieder in den Job ein-steigen werden – sie machen sich aber keine genauen Gedanken zum „wie“ und „wann“.

Um sich selbst Sicherheit zu geben, sollte man im Voraus definieren, was man erreichen möchte.

Dazu gehört, sich zuerst Klarheit über die aktuelle Situation zu verschaffen. Möchten Sie wieder in dieselbe Position zurück? Oder möchten Sie sich an einem neuen Ort weiterentwickeln? Wichtig bei der Planung ist, dass beide Partner sich miteinander absprechen. Was sind die Wünsche des Partners? Wie können sowohl Mutter wie auch Vater gleichberechtigt in die Erziehung der Kinder mit einbezogen werden?

Kinderkrippen, Tagesmütter oder Au-Pairs
Kinderkrippen sind teuer. Das ist allgemein bekannt. Es ist die Aufgabe der Politik, sich diesem Umstand anzunehmen. Je nach Lokation finden sich jedoch auch Tagesstätten, die weniger kosten. Prüfen Sie dabei einerseits Ihren Wohnort, wie auch Ihren Arbeitsort. Neben der Kinderkrippe gibt es jedoch auch noch weitere Möglichkeiten.

Haben Sie schon einmal die Anstellung eines Au-Pairs ins Auge gefasst? Dieses kann auf die Kinder aufpassen und Sie haben dadurch auch die Möglichkeit, mal etwas länger im Büro zu bleiben, da Sie nicht um eine bestimmte Zeit in der Krippe sein müssen, um den Nachwuchs wieder rechtzeitig abzuholen. Viele arbeitstätige Mütter greifen auch auf Tagesmütter zurück. Diese betreuen unter Umständen sogar mehrere Kinder gleichzeitig, so dass die Kleinen gleichaltrige Spielgefährten haben. Vielleicht können Sie auch mit Eltern aus der Nachbar-schaft zusammenspannen, so dass jeder je einen Tag zu Hause bleibt und auf die Kinder der Nachbarn aufpasst? So bleibt immer noch die Möglichkeit, in einem 80%-Pensum zu arbeiten, ohne grosse Kosten für die Kinderbetreuung zu haben.

Familienfreundlicher Arbeitgeber
Suchen Sie sich einen Arbeitgeber, der flexible Arbeitszeiten, familienfreundliche Angebote bis hin zur internen Kinderbetreuung bietet. Prüfen Sie, wie viel die interne Kinderbetreuung kostet und ob der Arbeitgeber auch eine Notfallbetreuung im Krankheitsfall der Kinder anbietet. Wenn Sie schon früh mit der Planung beginnen, haben Sie genügend Zeit, sich nach dem idealen Arbeitgeber umzusehen.

Jobsharing, Homeoffice
Informieren Sie sich über die Möglichkeit von Jobsharing, um eine Führungsposition in Teilzeit behalten zu können.

Ab einem 60%-Pensum sollte Jobsharing machbar sein – je nach Position und Verantwortlichkeiten.

Auch hier ist frühzeitige Planung unabkömmlich. Sprechen Sie mit Ihren Vorgesetzten und machen Sie sich bereits im Voraus auf die Suche nach der geeigneten Jobsharing-Partnerin, bzw. dem geeigneten Jobsharing-Partner. Allenfalls ermöglicht der Arbeitgeber, einen Teil der Arbeitszeit im Home-office zu arbeiten.

Austausch mit anderen erwerbstätigen Eltern
Zu guter Letzt raten wir Ihnen, sich mit anderen erwerbstätigen Müttern auszutauschen. Wie haben sie sich organisiert? Können Sie sich allenfalls sogar gegenseitig unterstützen? Selbstverständlich gelten diese Tipps für beide Elternteile. Wenn sowohl Frau wie auch Mann familienfreundliche Arbeitsbedingungen haben, sollte es problemlos machbar sein, eine Lösung zu finden, bei der beide Elternteile ihrem Beruf weiterverfolgen können. Es ist bedeutend, sich bereits von Anfang an zusammen mit dem Partner mit der Planung auseinanderzusetzen und dabei die eigenen Ansprüche und Wünsche geltend zu machen.

Vereinbarkeit Kind und Karriere
Fühlen Sie sich ertappt? Gehören Sie zu den vielen Frauen, die Karriere machen wollten, diese aber hinter ihrem Nachwuchs angestellt haben, und es jetzt im Nachhinein bereuen, sich nicht früher schon intensiver mit dem Thema auseinandergesetzt zu haben? Oder befinden Sie sich gar momentan gerade in der Familienplanung und wissen nicht genau, was Sie von der Zukunft erwarten?

Niemand muss Karriere machen. Wenn Sie aber Beruf machen wollen, dann stellen Sie Ihren Wunsch danach nicht hinten an. Es mag in der Schweiz zwar immer noch nicht so angesehen sein wie in anderen Ländern, aber es geht beides. Sie können Karriere
machen und Kinder aufziehen. Wenn Sie also Kind und Karriere wollen: Geben Sie nicht das eine für das andere auf!

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Finanzen und Karriere

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