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Angela Matthes ist CEO bei der Baloise Life AG.

Perspektivenwechsel: Transition vom Mann zur Frau

Grüezi Frau Angela Matthes. Sie sind CEO bei der Baloise Life AG. Wie lange sind Sie bereits in dieser Position tätig?

Ich durfte diese Verantwortung am 1. Januar 2013 übernehmen.

Bekannt sind Sie unter anderem für die Tatsache, dass Sie die Transition von Mann zu Frau vollzogen haben. Wie sind Sie diesen Schritt genau angegangen?

Sehr sorgfältig (schmunzelt). Meine weibliche Geschlechtsidentität hat mich mein ganzes Leben begleitet, war aber nach aussen nicht sichtbar. Ich hatte in der Baloise Gruppe eine 30-jährige Karriere hinter mir und hatte eine spannende Aufgabe mit tollen Kolleginnen und Kollegen um mich herum.

Auch war ich mit meiner Rolle als CEO sehr sichtbar und ich wusste zum Voraus nicht, wie die Baloise damit umgehen würde.

Eine persönliche Veränderung in einem bestehenden Umfeld ist immer auch eine Veränderung für die Menschen um einen herum. Es war mir deshalb ein Anliegen, die Menschen, mit denen ich zusammenarbeite, früh zu involvieren, zu informieren und Fragen zu beantworten und sie damit zu Reisebegleitern meiner Transition zu machen.

Haben Sie nach der Transition gespürt, dass Frauen in der Berufswelt anders behandelt werden als Männer?

Abhängig von der Situation: Ja und Nein. Wir werden in der Gesellschaft nicht nur mit unserem Geschlecht wahrgenommen. Haltung, Auftritt, die Rolle oder Funktion, in der wir inter-agieren haben einen ebenso grossen Einfluss.

Ich war aber auch schon mit meinem (männlichen) Geschäftsleitungskollegen bei einem Geschäftspartner zu Besuch und das Gespräch fand, ausser meinen eigenen Wortmeldungen, zwischen den beiden Männern statt. Was ich definitiv beobachte ist, dass, in einer Gruppe von Männern, diese etwas einmal sagen und gehört werden, während ich es zwei, drei Mal wiederholen muss, bis es ankommt.

Glauben Sie, dass es für Sie schwieriger gewesen wäre, CEO der Baloise Life AG zu werden, wenn Sie den Berufseinstieg bereits als Frau vollzogen hätten?

Das ist eine sehr, sehr schwierige Frage.

Bis ich bereit war, den Weg der Transition zu gehen, habe ich mich in verschiedenen Etappen dazu hingearbeitet. Das bedeutet, immer wieder die Kom-fortzone verlassen, lernen damit umzugehen, Wege zu finden, nicht auf-zugeben. Das ist mit der Zeit zu einem Teil von mir in allen Lebensbereichen geworden. Wäre ich als Frau geboren geworden, würde heute wahrscheinlich eine ganz andere Person hier vor Ihnen sitzen.

Was raten Sie Menschen, die in der gleichen Situation sind, wie Sie noch vor ein paar Jahren?

Fühle Dich zuerst klar, wohl und sicher mit Deiner Transidentität.

Ich wusste aber auch, dass ich die nötige Klarheit hatte, um meine Geschichte und meine Absicht, mein Leben in meiner gefühlten Geschlechtsidentität zu leben, mit Sicherheit zu erzählen.

Welchen Minderheiten werden in der Arbeitswelt noch Steine in den Weg gelegt und wie?

Ich bin immer etwas zurückhaltend Kategorien zu bilden. Ich glaube, es gibt schon so ein Muster, dass sich in den letzten Jahrhunderten der Industri-alisierung gebildet hat. Je besser man in dieses Muster passt, desto leichter hat man es. Das Muster in der Geschäftswelt unserer Breitengrade ist historisch geprägt männlich, hetero-sexuell, extrovertiert, christlich, verhei-ratet, Kinder.

Wie wird Diversity & Inclusion bei Ihnen bei der Baloise Life AG gefördert?

Die Baloise Life ist ein KMU und wir haben keine spezifischen Massnahmen, die mit Diversity & Inclusion gelabelt sind.

Sieben verschiedene Nationalitäten, unterschiedliche berufliche Werdegänge und Bildungshintergründe zu den Rollen und Verantwortungen im Unternehmen, von 22 bis 58 Jahre alt und fast 2/3 Frauen. Welche Massnahmen werden in Zukunft von der Baloise Life AG geplant, um Diversity & Inclusion noch weiter zu unterstützen?

Inklusion bedeutet bei uns vor allem, dass jede und jeder eine Stimme hat und dass wir in Entscheidungen, wann immer möglich, verschiedene Blick-winkel einfliessen lassen wollen. Entscheiden muss immer die Person, die die Verantwortung trägt. Dennoch ermöglicht der Einbezug von Kolleginnen und Kollegen, Optionen zu erkennen, welche man nur mit der eigenen Erfahrung nicht gefunden hätte. Und die Person, die die Verantwortung trägt für eine Aufgabe, ist nicht immer der Boss.

Welche Entwicklungen im Bereich Diversity & Inclusion würden Sie in der Schweiz in den nächsten paar Jahren gerne sehen?

Für mich spricht man heute in Diversity & Inclusion zu oft von Gruppen. Frauen. LGBT. Fünfzig-Plus. Für sie soll es mehr Inclusion geben. Sie sollen mehr Gleichstellung erhalten. Ich möchte eigentlich nicht einer Gruppierung zugeordnet werden. Ich bin Frau, LGBT, über fünfzig, ich habe auch 30 Jahre Führungserfahrung, einen Uni-Abschluss, musste ein Leben lang meine Komfortzone verlassen, um dahin zu kommen, wo ich heute bin. Ich bin die Summe meiner Lebenserfahrung. So wie Sie auch! So wie jeder Mensch. Wir sind alle in der Lage, verschiedene Blickwinkel einzunehmen – wenn wir unsere verschiedenen Lebenserfahrungen mit einbeziehen. Der Dialog mit Menschen mit anderen Lebenswegen und -erfahrungen multipliziert zudem die Vielfalt der Blickwinkel. Ein anderer wichtiger Aspekt dieses Denkens in Gruppen ist, dass ich in vielen Diskussionen und Aktivitäten dazu eine Gruppe als Betroffene vermisse: Wenn wir von Vielfalt und Inklusion sprechen, dann muss gerade auch die Gruppe heterosexuelle, extrovertierte, christliche, verheiratete Familienväter als Betroffene auf Augen-höhe eingeladen werden, am Dialog teilzunehmen. Inklusion ist für alle und betrifft alle.

Rubrik

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Ausgabe

Workspace und Zusammenarbeit

Angela Matthes

Geburtstag
16.09.1967

Nationalität
Schweizerin

Zivilstand
ledig

Beruf
CEO

Webseite
www.baloise-life.com

Mit knapp 16 Jahren begann sie ihre Laufbahn bei der Baloise Gruppe, wo sie heute noch tätig ist. Ihre Karriere führte sie über diverse Führungspositionen bei den Basler Versicherungen 2013 schliesslich zum Posten als CEO der Baloise Life Liechtenstein. Die eidgenössisch diplomierte Versicherungsfachfrau hält einen MBA und einen EMCCC. 2014 stellt einen Meilenstein in ihrer persönlichen Biografie dar: Angela Matthes lässt ihre männliche Identität hinter sich und vollzieht den Wechsel hin zu dem Ge schlecht, das sie schon immer als das ihre empfand. Dieser Schritt ist fünf Jahre später eine Selbst-verständlichkeit geworden und ein äusserst bestätigendes Erlebnis.

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