Strukturelle Diskriminierung bei Tamedia: Journalistinnen Protestieren | Die Wirtschaftsfrau
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Tamedia Verlagshaus (Quelle: Wikimedia, Gustav Broennimann, 2010).

Strukturelle Diskriminierung bei Tamedia: Journalistinnen Protestieren

“Du bist hübsch, du bringst es sicher noch zu was”. “Du solltest es nicht anders machen als die Männer. Du musst es besser machen”. Solche und weitere sexistische, unangebrachte Bemerkungen werden in einem Brief von 78 Journalistinnen an die Geschäftsleitung und Chefredaktion von Tamedia als Beispiele für ein frauenfeindliches Arbeitsumfeld aufgeführt. Weiter wird beanstandet, dass Themenvorschläge für Geschichten, die von Frauen kommen, weniger ernst genommen werden, dass es für Journalistinnen bei Tamedia kaum Entwicklungsmöglichkeiten gibt und dass Mitarbeiterinnen bei gleicher Qualifikation, Erfahrung und Leistung deutlich weniger als ihre männlichen Kollegen verdienen.

Im Schreiben an die Geschäftsleitung stellen die Journalistinnen einige Forderungen, um die Arbeitssituation für Mitarbeiterinnen zu verbessern. So wird gefordert, dass eine Vertrauensperson für Betroffene von sexueller Belästigung, Mobbing und Diskriminierung eingesetzt wird, Frauen und Nachwuchskräfte sollten durch ein Förderprogramm, welches konkrete, messbare Ziele hat, gezielt gefördert werden, und es wird die Erwartung ausgedrückt, dass das eigene Versprechen von Tamedia, den Frauenanteil in Führungspositionen zu verbessern, endlich erfüllt wird. Gefordert wird ebenfalls ein standardisiertes Verfahren bei Fällen von Mobbing, sexueller Belästigung, Stalking, Hassnachrichten oder abwertenden Online-Kommentaren. Eine weitere Forderung bezieht sich nur darauf, dass den Journalistinnen Anstand entgegengebracht werden soll.

Die Erlebnisse aus der Tamedia-Redaktion, die dem Brief angehängt sind, weisen auf eine strukturelle Diskriminierung von weiblichen Mitarbeiterinnen hin. Die Art, wie über Frauen gesprochen werde, sei oft abwertend und sexistisch. Oft wiederholten Männer an Sitzungen Ideen, welche in den ersten fünf Minuten von Frauen vorgebracht wurden, ohne zu erwähnen, dass die Idee von einer Mitarbeiterin stammt. Die Idee scheine erst wichtig, wenn sie von einem Mann vorgebracht wurde. Ein weiteres Zitat aus der Redaktion:

“Aber ihr seid doch mitgemeint, wenn man das generische Maskulinum benutzt.”

– “Nein, ich fühle mich nicht mitgemeint. Du weisst nicht, wie ich mich fühle.” –

“Ihr seid mitgemeint. Das ist historisch so.”

Auch beim Lohn und den Entwicklungsmöglichkeiten von Frauen scheint es Handlungsbedarf zu geben. So werden gemäss Schreiben Frauen bei Beförderungen zum Teil gar nicht in Betracht gezogen. Eine Mitarbeiterin, welcher aufgefallen ist, dass sie CHF 500.00 weniger Lohn erhält als ein Kollege mit gleicher Qualifikation, der gleichzeitig eingestellt wurde, erhielt nach Ansprache dieser Ungleichbehandlung eine Lohnerhöhung über CHF 170.00, verdient somit also immer noch weniger als besagter Kollege. Dies sind bloss wenige Auszüge aus dem Brief vom 5. März. Die Journalistinnen haben noch zig ähnliche Situationen aufgeführt.

Den Handlungsbedarf sieht auch die Chefredaktion. “Wir sind uns bewusst, dass die bisherigen Massnahmen zur Steigerung des Frauenanteils in den Redaktionen und insbesondere in Führungspositionen nicht ausreichen und es Zeit für eine verbindliche Strategie ist”, nimmt Tamedia-Chefredaktor Arthur Rutishauser am Sonntagmittag auf Anfrage von persoenlich.com Stellung. Im Auftrag der Tamedia-Geschäftsleitung befasse sich seit Dezember eine interne Arbeitsgruppe unter der Leitung von Priska Amstutz, Co-Chefredaktorin des Tages-Anzeigers, mit dem Thema Diversity mit Fokus Frauenförderung.

Probleme mit der Frauenförderung bei Tamedia existieren schon lange. So hat die Tamedia-Redaktion im Juni 2013 die “Stauffacher-Deklaration” lanciert, die zum Ziel hatte, bis 2016 30% der leitenden Positionen durch Frauen zu besetzen. Drei Jahre später musste eingestanden werden, dass das Ziel mit einem Frauenanteil von nur 17% auf Kaderstufe weit verfehlt wurde.

Kategorie

News

Publiziert am

08.03.2021

Hashtag

#diewirtschaftsfrau #politik

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