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Um seine Studie umzusetzen, erhielt Kopp über zehn Monate lang Zugriff auf die Stellenplattform job-room.ch.

Männer werden bei Teilzeitarbeit-Jobsuche diskriminiert

82% der Männer arbeiten Vollzeit. Eine neue Studie zeigt, warum dieser Anteil so hoch ist. Wenn Männer ihr Pensum reduzieren möchten, erleiden sie grössere Nachteile als Frauen.

Der Mann verdient das Geld und macht Karriere. Die Frau zieht die Kinder auf und erledigt den Haushalt. Heute sind die Rollen nicht mehr ganz so stark aufgeteilt, dennoch bleiben die Unterschiede beträchtlich. Während 59% der Frauen Teilzeit arbeiten, sind es bei den Männern nur 18%. Bei Eltern ist die Differenz noch grösser. 78% der erwerbstätigen Mütter haben ein Teilzeitpensum. Väter nur 12%.

Auf die Frage, warum fast alle Männer Vollzeit arbeiten, kommen zwei Antworten infrage: Entweder, weil sie es so wollen, oder weil sie es müssen. Eine Studie der Konjunkturforschungsstelle (KOF) der ETH Zürich liefert neue Ergebnisse: Wer Teilzeit arbeitet, muss auf dem Arbeitsmarkt Nachteile in Kauf nehmen. Vor allem ist diese Benachteiligung deutlich grösser für Männer als für Frauen. Somit haben sie wenig Anreize, ihr Pensum zu reduzieren. Die Resultate werden nächste Woche publik.

Daniel Kopp, der Studienautor und KOF-Ökonom hat für die Untersuchung einen neuartigen Ansatz gewählt. Er hat die effektiven Rekrutierungsentscheide der Firmen analysiert. Er erklärt, gegenüber einer herkömmlichen Befragung sei das viel exakter. Wenn eine Firma behaupte, dass sie Teilzeitarbeit gleichwertig behandle, lasse sich das in der Praxis nur schwer nachprüfen.

450’000 Dossiers ausgewertet

Um seine Studie umzusetzen, erhielt Kopp über zehn Monate lang Zugriff auf die Stellenplattform job-room.ch, welche vom Bund betrieben wird. In dieser Zeit gingen 43’000 Personalleute auf die Seiten und hatten dort Einsicht in die Profile von über 200’000 Stellensuchenden.

Kopp konnte auf diese Weise 450’000 Rekrutierungsanfragen untersuchen. Wichtig dabei ist, dass die Auswertung nur Anfragen enthält, welche keine Präferenz für Voll- oder Teilzeit-Angestellte deklarierten. Wer eine Person zu 100% suchte, wurde also nicht berücksichtigt.

Herausgekommen ist, dass das Arbeitspensum einen grossen Einfluss auf die Attraktivität auf dem Arbeitsmarkt hat. Frauen, welche Teilzeit arbeiten, erhalten 10% weniger Job-Angebote. Bei den Männern ist diese Zahl doppelt so gross, nämlich 22% weniger Job-Angebote.

Kopp sagt, es mache einen grossen Unterschied, ob ein Mann oder eine Frau in einem tieferen Pensum arbeiten möchte. Offenbar seien die traditionellen Geschlechterrollen auf dem Arbeitsmarkt noch immer tief verankert.

Auch wenn die Wirtschaft regelmässig beteuert, Teilzeitarbeitende seien gleichgestellt, stellen im Einzelfall Firmen trotzdem lieber jemanden zu 100% ein. Der selbstständige Firmensanierer Urs Bürge bringt es auf den Punkt. Er sagt, Teilzeitmodelle führen oftmals zu Problemen, sie erfordern zusätzlichen Aufwand und erschweren die reibungslosen Abläufe.

Details zur Studie

Ein wesentliches Detail zur Studie ist, die Abweichung zwischen den Geschlechtern bezieht sich immer auf die gleiche Berufskategorie. Dass Teilzeitarbeit in typischen Frauenberufen wie zum Beispiel dem Verkauf stärker verbreitet ist, hat also keinen Einfluss auf das Ergebnis.

Adrian Wüthrich sagt, die Studie zeige, dass die Gleichstellungsdebatte auch für Männer relevant sei. Er ist Präsident des Gewerkschaftsdachverbands Travail Suisse. Er höre regelmässig, dass von Männern höhere Pensen erwartet werden. Ein typisches Beispiel sei der Job in einem Staatsbetrieb, welcher für 80-100% ausgeschrieben ist. Eine Frau und ein Mann sind in der Endrunde: Sie erhält die Stelle mit 80%. Bei ihm wird jedoch ein Pensum von 100% erwartet.

Mangel an Fachkräften nimmt zu

Simon Wey, Chefökonom beim Arbeitgeberverband hält Teilzeit für ein zweischneidiges Schwert. Einerseits sei es besser, Teilzeit zu arbeiten als gar nicht. Andererseits wollen die Unternehmen die Arbeitskräfte natürlich mit möglichst hohen Pensen im Betrieb einbinden.

Wey räumt jedoch ein, eine Karriere mit reduziertem Pensum sei noch immer die Ausnahme. Je nach Branche habe die Digitalisierung jedoch klare Fortschritte ermöglicht. Der Ökonom spricht aus eigener Erfahrung. Trotz 80% Pensum hält er eine Kaderposition.

Es brauche von beiden Seiten Anpassungsfähigkeit. Es gehöre einfach dazu, dass man auch bei Abwesenheit zwischendurch eine Mail beantwortet. Der zunehmende Mangel an Fachkräften habe jedoch zur Folge, dass die Mitarbeitenden eine stärkere Verhandlungsposition erreichen. Laut KOF-Studie weisen Männer, welche sich auf einen Teilzeitjob bewerben, durchaus ebenbürtige Qualifikationen vor. Im Schnitt ist ihre Ausbildung sogar leicht besser.

Frauen arbeiten unbezahlt

Der Studienautor Daniel Kopp betont, die Beseitigung der „Teilzeit-Strafe“ würde die Gleichstellung der Geschlechter fördern. Wenn Männer voll auf den Beruf setzen, hätten sie weniger Möglichkeiten, Aufgaben in der Familie zu übernehmen. Das verhindere eine gerechtere Aufteilung von bezahlter und unbezahlter Arbeit.

Frauen investieren noch immer 50% mehr Zeit in die Hausarbeit als Männer. Dies zeigt die jüngste Statistik des Bundes (“Die Wirtschaftsfrau“ berichtete). Bei Eltern mit Kindern leisten Mütter pro Woche 17 Stunden an zusätzlicher unbezahlter Arbeit. Die Geschlechterrollen bleiben somit auch in der Familie klar getrennt. Viele Paare sind glücklich mit dieser klassischen Aufteilung. Solche, die mehr Gleichheit anstreben, haben aber nach wie vor hohe Hindernisse zu überwinden.

 

Quelle: https://nzzas.nzz.ch/wirtschaft/teilzeitjobs-firmen-benachteiligen-maenner-deutlich-staerker-als-frauen-ld.1631313

Kategorie

News

Publiziert am

21.06.2021

Hashtag

#diewirtschaftsfrau #politik

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