Schweizer Pflegepersonal: gestresst und unterbezahlt | Die Wirtschaftsfrau
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Anzahl Pflegefachpersonen pro tausend Einwohner

Schweizer Pflegepersonal: gestresst und unterbezahlt

Um die Coronavirus-Pandemie zu bewältigen, arbeitet das Pflegepersonal in der Schweiz unermüdlich. Die Arbeit im Spital kann aber auch in Normalzeiten stressig und frustrierend sein. Dies kann schwerwiegende Folgen für die Patientinnen und Patienten mit sich bringen.

Die alte Dame ist in der Nacht verstorben. Sie hatte einen langen Spitalaufenthalt ohne jeglichen Besuch hinter sich. Janine A.* war an ihrem Bett. „Ich kann immer noch ihren letzten Atemzug hören. Ich wollte nicht, dass sie allein stirbt.”

Fast ein Jahr nach dem tragischen Ereignis ist die junge Pflegefachfrau, immer noch erschüttert. Es war das erste Mal, dass sie dabei war, als ein Mensch starb. Aber die 21-Jährige weiss, dass es ein wichtiger Bestandteil ihrer Arbeit ist, Patienten in den letzten Momenten ihres Lebens zu begleiten. Gerade das ist der Grund, warum sie Pflegefachfrau wurde. Sie wollte etwas Nützliches für die Gesellschaft tun.

Während der Ausbildung wurde ihr Idealismus aber bereits getrübt. Janine A. zählt von anstrengenden Schichten, unregelmässigen Arbeitszeiten und ständigen Änderungen in der Planung. Am meisten frustriert es sie, dass sie immer weniger Zeit hat, die Patientinnen und Patienten in ihrem Heilungsprozess zu begleiten. Niemand spreche über die Probleme an den Spitälern. Es herrsche Schweigen. Sie sagt, sie würde gerne auf die Strasse gehen und demonstrieren. Aber wer kümmert sich dann um die Patienten und Patientinnen?

Auch die 26-jährige Genferin Zoe H*. entschied sich für den Beruf der Pflegefachfrau, weil sie den Kontakt mit Patientinnen und Patienten sehr schätzt. Sie sagt ein Lächeln oder ein „Danke” eines Patienten oder einer Patientin sei die grösste Genugtuung. Doch bei ihrem ersten Job in einem Spital nach vier Jahren Studium wurde ihr klar, dass dies nicht der Beruf war, so wie sich ihn vorgestellt hat.

Tagsüber kümmert sie sich um sechs Patientinnen und Patienten, während der Nachtschicht um zwölf. Nebenbei bedients sie das Telefon, organisiert Einweisungen und Austritte, füllt Formulare aus, und bespricht die Situationen der Patientinnen und Patienten mit deren Angehörigen. Es gebe immer weniger Pflegepersonal und die Abwesenheiten werden nicht ersetzt. Es gibt Fälle von Burnout, doch diese werden meist vertuscht, sagt Zoe H.

Ilenia D.*, eine Pflegefachfrau, die auf das Wochenbett spezialisiert war, erlitt nach 14 Jahren Arbeit ein Burnout. Es sei eine fantastische Arbeit, aber wenn man keine intrinsische Motivation habe, werde man krank. Die Pflegefachfrau sagt, dass sie einen Zusammenbruch aufgrund von Mobbing durch ihre Vorgesetzten hatte.

Verstösse gegen das Arbeitsrecht

Janine A., Zoe H. und Ilenia D. sind keine Einzelfälle. Und es ist auch kein Zufall, dass hier drei Frauen vertreten sind. Pflegekräfte gehören zu den systemrelevanten Berufen, die oft von Frauen dominiert sind. Pierre-André Wagner, Leiter der Rechtsabteilung des Schweizer Berufsverbandes der Pflegefachfrauen und Pflegefachmänner (SBK), sagt: „Im Pflegesektor kommt es zu Verstössen, die in jedem anderen Berufssektor als inakzeptabel angesehen würden. Das Arbeitsrecht wird systematisch mit Füssen getreten”.

Wagner, welcher sowohl Anwalt als auch diplomierter Pflegefachmann ist, analysierte Hunderte von Fällen. Es mangelt nicht an Beispielen für Missbrauch. „Wer aus gesundheitlichen Gründen keine Nachtschichten mehr übernehmen kann, wird entlassen. Wer einen Missbrauch meldet, wird Opfer von Mobbing. Wer sich gegen eine Rationierung wehrt, die der Qualität der Pflege schadet, dem wird mangelnde Loyalität gegenüber dem Institut vorgeworfen”, schreibt Wagner in der Monatszeitschrift “Krankenpflege” des Verbandes. Natürlich kann man das nicht auf den gesamten Pflegesektor der Schweiz beziehen. Es gäbe grosse Unterschiede zwischen den einzelnen Stationen und Spitälern.

Mehr Investitionen, weniger Tote

Wagner spricht klare Worte: „Die Pflege wird von einem Gesundheitssystem zerrissen, das von Macht- und Geldgier beherrscht wird. Der Patient steht nicht mehr im Zentrum.”

Kürzungen beim Pflegepersonal, sowohl bei der Ausbildung als auch beim Personalbestand, führen zu mehr Komplikationen und einer erhöhten Sterblichkeit. Das sei wissenschaftlich erwiesen, so Wagner. Eine Analyse von Daten, die kürzlich von Professoren der Universitäten Bern und Basel durchgeführt wurde, kam zum Schluss, dass ein höherer Anteil von diplomierten Pflegefachpersonen im Pflegeteam hunderte von Leben rettet und Millionen von Franken spart.

Der gesamte Gesundheitssektor stehe unter Druck, so Wagner. Pflegefachpersonen, Hebammen und Geburtshelfer, Laboranten und Laborantinnen, Arzthelfer und Arzthelferinnen… Nur 56% des notwendigen Personals werde in der Schweiz ausgebildet. Bei den Pflegefachpersonen ist die Situation sogar noch kritischer: Die Abschlüsse decken nur 43% des geschätzten jährlichen Nachwuchsbedarfs. Bis 2030 werden 65’000 diplomierte Pflegefachpersonen benötigt, warnt der SBK, der den Mangel mit einer Volksinitiative abwenden will.

Die Schweiz ist noch gut dran

Trotz der Sorgen von Gewerkschaften und Berufsverbänden ist die Situation des Pflegepersonals in der Schweiz im internationalen Vergleich weniger schlimm.

In Umfragen, die in europäischen Ländern durchgeführt wurden, gehört die Schweiz zu den Ländern mit den höchsten Werten für Arbeitsbedingungen und Mitarbeiterzufriedenheit. Die Schweiz gehört auch zu den Ländern mit der höchsten Zahl von Pflegefachpersonen pro Kopf. Im Durchschnitt betreut eine Pflegefachperson in einem Schweizer Spital ca. acht Patientinnen und Patienten. In Deutschland sind es 13.

„In Frankreich, Deutschland und vermutlich auch in Italien ist das Bild viel schlechter”, räumt Wagner ein. „Das zeigt auch die Tatsache, dass die Schweiz ein Magnet für ausländische Pflegefachpersonen bleibt.” Ein Drittel des Pflegepersonals in Spitälern kommt aus dem Ausland, vor allem aus den Nachbarländern.

Laut Wagner ist diese Situation gleich in zweifacher Hinsicht problematisch: Der Brain-Drain in die Schweiz führe andernorts zu Personalmangel. Und weil die ausländischen Pflegefachleute sich hier unter besseren Bedingungen wiederfinden als in ihrem Herkunftsland, seien sie wenig motiviert, sich für Veränderungen in der Schweiz zu engagieren.

Den Spitälern sind die Hände gebunden

Die schlimmsten Fälle melden und sie vor Gericht bringen, ist ein Weg der Missbrauchsbekämpfung. Es ist kein Geheimnis, dass mehr Frauen in Pflegeberufen tätig sind als Männer. Im Jahr 2001 erzielten der Pflegeverband und die Gewerkschaften einen grossen Erfolg, als ein Zürcher Gericht eine Lohndiskriminierung aufgrund des Geschlechts feststellte und entschied, die Lohnsumme für alle Pflegefachpersonen im Kanton um 500 bis 800 Franken zu erhöhen. „Allerdings verlagern diese Aktionen das Problem nur woanders hin.” bemerkt Anwalt Wagner.

„Wenn das Spital verpflichtet wird, die Zeit für das Umziehen und den Weg zur Station als Arbeitszeit anzurechnen, wird es versuchen, dies auf andere Weise zu kompensieren. Zum Beispiel durch die Reduzierung von Pausen. Spitälern sind die Hände gebunden: Niemand verstösst aus purem Vergnügen gegen das Arbeitsrecht. Sie können es einfach nicht umsetzen”.

In die Ausbildung investieren

Der SBK fordert darum die Politik auf, mehr in die Ausbildung und Spitäler zu investieren. „Wir müssen dafür sorgen, dass in der Schweiz eine ausreichende Zahl von Pflegefachpersonen ausgebildet wird, dass sie im Beruf bleiben und dass ihre Fähigkeiten anerkannt und genutzt werden”, sagt Roswitha Koch. Sie ist am SBK für die Entwicklung der Pflege verantwortlich. Die Verbesserung der Arbeitsbedingungen würde die Tätigkeit in Pflegeberufen vielleicht auch für Männer attraktiver machen.

*Namen von der Redaktion geändert.

 

Quelle: https://www.swissinfo.ch/ger/umfrage_pflegepersonal-in-der-schweiz–gestresste-und-unterbezahlte-helden/45741154

Kategorie

News

Publiziert am

28.10.2020

Hashtag

#diewirtschaftsfrau #politik

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